Interview mit Valerie Niehaus

 

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Frage: Wie kam es zu Ihrer Rolle in "Alles über Anna"?

Valerie Niehaus: Ich hatte im letzten Jahr ziemlich viel gedreht und war froh, endlich im Sommerurlaub zu sein, als mich die Anfrage erreichte. Die Bücher und das Konzept haben mir spontan gefallen. Es reizte mich einfach, eine Figur wie Anna über zehn Folgen entwickeln zu können. Zudem ist ein gutes und inspiriertes Ensemble zusammengekommen, mit dem das Spielen wirklich Spaß gemacht hat.

Frage: Dabei hatten Sie bereits ihren Abschied von Serienformaten erwogen.

Das liegt lange zurück. Schließlich bin ich 1993 direkt nach der Schulzeit zur täglichen TV-Serie "Verbotene Liebe" gekommen und nach drei Jahren schien mir ein Ausstieg konsequent. Ich habe mich seinerzeit nach New York verabschiedet und bereits bei meiner Rückkehr hatte ich nicht mehr den Eindruck, auf die Figur der Julia von Anstetten festgelegt zu sein.

Ich bekam recht bald die Chance zu ganz anderen Rollen und Formaten. Natürlich ist diese Anfangsphase eine wichtige Erfahrung, die mir aber heute längst nicht mehr nachgeistert.

Frage: Und nun übernehmen Sie als Anna gleich mehrere Rollen: Köchin, Mutter, Restaurant-Betreiberin und letztlich Geliebte ...

Niehaus: Anna ist für mich eine sehr aktuelle Frauenfigur, die ihre emotionalen Konflikte inmitten eines hektischen Berufsalltages lösen muss. Ich hatte immer die Konzeption von einer "Frau zwischen großer Küche und heftigen Gefühlen" im Hinterkopf, als ich mich auf Anna vorbereitet habe. Das bedeutet für mich eben keine spontanen Teenager-Ausbrüche, sondern langsame Schritte in einem Kampf der Gefühle, die sich über die zehn Folgen auch schlüssig entwickeln lassen.

Frage: Viele Szenen spielen in der Küche des "Hoffmanns". Wie haben Sie sich mit den Abläufen in der Gastronomie vertraut gemacht?

Niehaus: Bereits in meinem damaligen Sommerurlaub habe ich befreundete Gastronomen um erste Einblicke gebeten. Ich habe sie über die Küchenroutine ausgefragt, mir das Praxisleben angeschaut und dadurch den Druck vermittelt bekommen, dem man ausgesetzt ist, wenn der Laden voll ist und alle auf ihre Mahlzeiten warten.

Frage: Wobei in der Küche des "Hoffmanns" ja weniger die hektische Produktion, sondern eher das gemeinsame Arbeiten gezeigt wird.

Niehaus: Stimmt. Wir haben eher versucht, die Küchenarbeit als Gute-Party-Situation zu interpretieren. Schließlich handelt es sich beim "Hoffmanns" um einen überschaubaren, familiären Betrieb, in dem das Kollegiale das Besondere ist. Die Küche ist dabei zu einem wunderbaren Spielraum geworden, in dem auch ernsthafte Gefühlskrisen nie ihre Bodenhaftung verloren haben. Auch der schwerste Liebeskummer bekommt eben eine andere Dimension, wenn in der nächsten Situation noch Salz an die Suppe muss.

 »Ich war erstaunt, als ich zum ersten Mal meine Finger sah, die Paprika wie ein Profi schnippelten. «  

Frage: Wurde dabei wirklich gekocht?

Niehaus: Nicht die ganze Zeit. Wir mussten uns etwas einschränken, da die heißen Töpfe und der brutzelnde Grill für den Ton und Maske eine starke Herausforderung wurden. Immer wieder ist eine Kamera beschlagen. Vom Spiel her hat es großen Spaß gemacht, weil bei diesen Szenen genau die Stimmung und die Energie rüberkam, die wir anfangs im Kopf hatten.

Frage: Mussten Sie einen Profikoch-Schnellkurs belegen?

Niehaus: Zumindest gab es kein Double fürs Gurkenschneiden. Annas Hände sind in allen Szenen meine Hände, auch beim Filettieren von Fisch und Fleisch. Ich war erstaunt, als ich zum ersten Mal meine Finger sah, die Paprika wie ein Profi schnippelten. Am Set wurden wir von echten Köchen begleitet, die uns bei speziellen Bewegungen oder dem Einsatz eines bestimmten Messers gecoacht haben. Bereits vor Drehbeginn gab es ein vorbereitendes Treffen in einem Kochbuchladen mit angeschlossener Küche, wo wir bei den ersten Lesungen zusammen gekocht haben. Diese Sorgfalt bei den Details war auch für die emotionalen Konflikte wichtig. Wäre alles nur aus Gummi und Pappe gewesen, hätte auch die andere Ebene nicht funktioniert.

Frage: Ist das Auftauchen von Frank wirklich der Knackpunkt in Annas Leben?

Niehaus: Der Konflikt sitzt tiefer; schließlich schwebte ihr immer schon etwas Höheres vor. Sie möchte das Lokal vergrößern - da schlummert also etwas. Franks Rückkehr wirkt als Beschleuniger verdrängter Konflikte. Im Gegensatz zu ihrem Mann Benno pflegt er einen ganz anderen Lebensstil und denkt in größeren Dimensionen. Der Nährboden für Annas Ausbruch war also vorhanden. Frank kommt als Mensch gewordener guter - oder schlechter - Traum daher. Deswegen ist er so bedrohlich und hat so viel Macht.

Frage: In Annas Augen wirkt er also nicht als berechnender Charakter?

Niehaus: Dirk Martens hat Frank eine von Herzen kommende Sehnsucht und eine sehr leidenschaftliche Gefühlswelt verliehen, die ihn regelrecht gefangen nimmt. Frank ist sicherlich nicht kalt, sondern reagiert ganz im Gegenteil immer etwas überhitzt. Er geht direkt auf etwas zu, wenn er es haben will - und ist damit ja auch erfolgreich.

Frage: Inwieweit konnten Sie sich mit Annas Konflikt identifizieren?

Niehaus: Ich habe mir Annas Kampf um ihre Geheimnisse schon zu Herzen genommen. Der Ausgangspunkt für eine Rolle ist ja immer: Wie würde ich mich selbst dazu verhalten? Und da wäre ich so manches Mal gerne dazwischen gegangen und hätte die Verstrickungen gesprengt. Warum holt sie nicht einfach alle an einen Tisch und schenkt ihnen reinen Wein ein?

Von mir und meinem Umfeld kenne ich diese Verstrickungen aus Lebenslügen und Halbwahrheiten nicht, von daher hat mich dieses Unvermögen berührt. Ansonsten hat mich Anna fit gemacht fürs Wochenende: Kaum war ich in meiner wirklichen Küche und wollte für meinen Sohn kochen, hatte ich sechs Hände auf einmal und war in zehn Minuten fertig.